IRLAND: VOR 150 JAHREN TRIUMPHIERTE DIE "NATIONALÖKONOMIE": Hungern als Reformprojekt

By: 
Von Ibrahim Warde
Date Published: 
June, 1996
Publication: 
Le Monde diplomatique
Language: 

 

DIE gegenwärtige technologische Revolution verursacht Umstrukturierungen, Entlassungen und Lohnsenkungen. Dies sei der Preis des Fortschrittes, behaupten all jene, die diese Entwicklung vorantreiben. Nur ein Hinwegfegen der Widerstände und ein Abspecken all der "überflüssigen Pfunde" könne den Einzug unserer Gesellschaften in das neue Zeitalter garantieren. Sowohl bei Unternehmern als auch bei den Wirtschaftsfachleuten und den Medien, die ihnen als Verstärker dienen, ist diese Einschätzung ungebrochen. So ungebrochen wie vor 150 Jahren, als die unerbittlich verfochtene große liberale Revolution Millionen Menschen zur Auswanderung zwang oder ihren Tod billigend in Kauf nahm.

1996 wird der hundertfünfzigste Jahrestag der Aufhebung der Weizenzölle begangen – für die meisten Wirtschaftswissenschaftler das bedeutendste Ereignis in der Geschichte des Freihandels. Andere Gedenkveranstaltungen werden an die "große Hungersnot" erinnern, die von 1846 bis 1849 Irland heimsuchte, die den Tod von 1,5 Millionen Menschen zur Folge hatte und über 2,5 Millionen zur Auswanderung zwang.

Aber es gehört zum guten Ton, diese beiden Ereignisse, obwohl sie gleichermaßen den Sieg der "Nationalökonomie" in der viktorianischen Ära symbolisieren, voneinander zu trennen. In der Geschichte der Liberalisierung der Handelsbeziehungen wird die irische Hungersnot gewöhnlich auf eine Nebensache reduziert, auf ihre Bedeutung als Motiv, die letzten Widerspenstigen dazu zu bewegen, der Aufhebung der Zölle zuzustimmen. Die Historiker beeilen sich jedoch hinzuzufügen, daß die damaligen führenden Politiker Großbritanniens – Sir Robert Peel, der (konservative) Tory-Premierminister, und Lord John Russell, sein (liberaler) Whig- Nachfolger – nicht für die irische Tragödie verantwortlich gemacht werden können.

Der eine wurde von seinen Zeitgenossen wie auch von der Nachwelt als echter Staatsmann gefeiert, der "Visionsgabe" und "politischen Mut" bewiesen habe, als er im Juni 1846 gegen den Widerstand der in seiner Partei deutlich vertretenen Agrarinteressen die corn laws außer Kraft setzte und damit den Anstoß für eine beispiellose Bewegung zur Liberalisierung des Handels gab. Einen Tag nach dieser Entscheidung schrieb die Königin Victoria an ihren Onkel, den belgischen König: "Peel ist, glaube ich, von einer moralischen Größe ohnegleichen." Dem anderen zollte man Bewunderung, weil er es verstanden hatte, allen Unbilden zum Trotz den Kurs des Freihandels beizubehalten.

Um zu begreifen, warum ein Land, das sich auf dem Gipfel des Wohlstands befand und als Musterbeispiel der Demokratie galt, es zuließ, daß ein Teil seiner Bevölkerung zugrunde ging (ganz Irland gehörte damals zum Vereinigten Königreich), muß man die Ideologie des viktorianischen Zeitalters kennen – die "Nationalökonomie", wie man damals sagte, das einzige wirkliche Denkgebäude jener Zeit.

Die industrielle Revolution wurde begleitet und genährt von einer intellektuellen Revolution, die die alten Überzeugungen hinwegfegte. Industrielle und Kaufleute bildeten eine "neue Klasse". Es entstanden einige mächtige Ideen, in denen sich Philosophie, Moral, Ökonomie und Politik miteinander vermischten: Da der Kampf der Interessen ein Motor des Ausgleichs ist, gilt es, der Verfolgung individueller Interessen freien Lauf zu lassen; statt sich auf ein rigides System von Gilden und verwalteter Wirtschaft zu stützen, müssen die Wirtschaftsbeziehungen dem Prinzip von Angebot und Nachfrage unterworfen werden und durch den Preismechanismus ihr Gleichgewicht finden; Ziel der Gesellschaft ist es, größtmöglichen Wohlstand für möglichst viele zu gewährleisten, was nur gelingt, wenn sich die Regierung aus dem Wirtschaftsleben zurückzieht und sich auf den Schutz des Privateigentums und der Gesetze des Marktes beschränkt.

Wie der Historiker Karl Polanyi großartig dargelegt hat, war das laissez-faire nicht Resultat einer spontanen Hervorbringung, sondern einer voluntaristischen Politik, die eine tiefgehende Umwandlung der Gesellschaft durch deren Unterwerfung unter die Gesetze des Marktes anstrebte. Seit die Wahlrechtsreform von 1832 das Wahlrecht auf die wohlhabende Bourgeoisie ausgedehnt hatte, häuften sich Gesetzgebungen, die deutlich den Stempel der Ideen eines Adam Smith und Jeremy Bentham trugen. Die neuen Eliten stellten ihren Kampf als Kampf der "Ideen" gegen die "Interessen" dar, als Kampf der Wissenschaft und des Fortschritts gegen den Obskurantismus.

Ein Beispiel für das social engineering der damaligen Zeit ist der Kampf gegen das "Krebsgeschwür des Pauperismus". Nach Abschaffung der Speenhamland- Gesetze im Jahr 1834, die seit 1795 eine Art Mindesteinkommen garantiert hatten, dienten eine Reihe von poor laws (Armengesetze) als Ersatz für eine Sozialpolitik. Der größte Fachmann auf dem Gebiet der Armutsproblematik war damals Nassau Senior, dessen eilig vom Parlament übernommene Lösungen so einfach wie brutal waren: Das beste Mittel, die Zahl der Armen zu verringern, besteht darin, ihnen nicht zu helfen. "Wenn die Armen wissen, daß sie arbeiten müssen, um nicht zu verhungern, arbeiten sie. Wenn die jungen Männer wissen, daß sie im Alter keine Unterstützung bekommen, sparen sie. Wenn die Alten wissen, daß sie auf ihre Kinder angewiesen sind, bemühen sie sich um deren Liebe. Also keine Unterstützung, außer für jene, die wirklich weder Familie noch einen Lebensunterhalt haben."

Die "Arbeitshäuser" ( work-houses ) waren das Meisterstück der Hilfsprogramme für die Ärmsten der Armen. Zwischen dieser Art von Zuchthaus (die Charles Dickens unsterblich gemacht hat), in das man die Bettler einsperrte, um sie einer Zwangsarbeit zu unterwerfen, bei der mit Stockschlägen auf eiserne Disziplin geachtet wurde, und anderen Arbeitsmöglichkeiten, so hart sie immer sein mochten, fiel die Wahl nicht schwer. Denn damit sich die Arbeitshäuser nicht zu begehrten Asylen entwickelten, war es Nassau Senior zufolge wichtig, daß "der Aufenthalt dort weniger angenehm ist als das Leben des ärmsten unabhängigen Arbeiters". Sein Zeitgenosse, der Schriftsteller Thomas Carlyle, schrieb: "Die work- houses sind eine einfache Erfindung, wie alle großen Erfindungen ... Stürzt man die Armen ins Elend, nimmt ihre Zahl ab. Das Geheimnis ist allen Rattenbekämpfern bekannt. Eine noch schnellere Methode wäre die Verwendung von Arsen." Die Finanzierung der Häuser unterlag ebenfalls den Gesetzen des Marktes. Jede Region wurde nach der Anzahl der Personen besteuert, die eine öffentliche Unterstützung "genossen". Je mehr Arme also eine Region aufwies, desto höher lag ihr Steuersatz.

Während der Kampf gegen die Massenarmut auf breiten Konsens stieß, regten sich in anderen Fragen, besonders bei der Beseitigung der vom Merkantilismus ererbten Zollschranken, starke Widerstände. Tatsächlich beherrschte die Aufhebung der Weizenzölle damals die Diskussionen von Politikern und Intellektuellen.

 

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