WIDER DIE KONVERGENZTHESE Japan verstehen

By: 
Von Ibrahim Warde
Date Published: 
June, 1995
Publication: 
Le Monde diplomatique
Language: 

 

CHALMERS JOHNSON gilt in den USA als Kopf der "Revisionisten", jener Handvoll von Japanologen, die sich weigern, Japan durch die Brille der "dogmatischen angelsächsischen Wirtschaftstheorie" zu betrachten. Sie interessieren sich vielmehr für die Geschichte, die Kultur und die Traditionen des Landes. Sie bemühen sich darum, jene Besonderheiten herauszuarbeiten, die ihre Fachkollegen absichtlich oder aus Dummheit lieber verschweigen. In seinem neuen Buch, einer Sammlung von vierzehn Essays über Politik, Wirtschaft und internationale Beziehungen Japans, zerstört er jene Vorstellungen, die er als Resultat "der intellektuellen Eitelkeit des Westens" und der "ideologischen Scheuklappen des kalten Krieges" bezeichnet. Vor allem attackiert er die Vorstellung, daß sich der japanische Kapitalismus mehr und mehr dem angeblich allgemeingültigen angelsächsischen Modell annähere: "Nur die intellektuelle Hegemonie und das Gewicht der Interessen, die auf dem Spiel stehen, bieten eine Erklärung dafür, warum die Amerikaner meinen, Japan sei ein Klon, Imitator und Schüler. Der japanische Staat ist eintausendfünfhundert Jahre älter als der US-amerikanische, und die Vorstellung von einer Konvergenz ist ganz offensichtlich nicht nur unwahrscheinlich, sondern geradezu lächerlich." Bei der Frage, wer das Land "regiert", attackiert Johnson sowohl die Sichtweisen, die sich auf eine Wort-für-Wort-Interpretation von Texten stützen, als auch jene, die sich auf den äußeren Anschein der Institutionen berufen. So werden, auch wenn die Verfassung aus dem Jahre 1947, die von den Amerikanern diktiert wurde, dem Parlament die ganze Macht verleiht, die Gesetze in Wirklichkeit von hohen Elitefunktionären abgefaßt, die praktisch als "Marionettenspieler" agieren und dank eines Systems "administrativer Weichenstellungen" auch das Vorgehen der Privatwirtschaft koordinieren. Der Zusammenhalt des Systems wird durch das Prinzip des amakudari (wörtlich: "der Abstieg vom Himmel") sichergestellt, das es den hohen Funktionären erlaubt, etwa mit fünfzig Jahren ihren Abschied zu nehmen, um in die Privatwirtschaft zu gehen, sich an die Spitze eines staatlichen Unternehmens versetzen zu lassen oder eine politische Karriere zu beginnen.

Diejenigen, für die das Zerplatzen der spekulativen Finanzblase Japans ein Beweis dafür ist, daß das "japanische Wunder" nur ein Trugbild war, erinnert Chalmers Johnson daran, daß die offizielle Arbeitslosenquote trotz der im Lande grassierenden Rezession niedrig bleibt und daß die japanischen Unternehmen ihre Stellung – vor allem auf den asiatischen Märkten – in einigen "strategischen" Bereichen weiter ausbauen konnten.

ÜBER die Analyse der politischen Welt Japans samt ihren Riten und Codes hinaus erhellt der Autor die Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft und widmet sich eingehend den Triebkräften eines unbeugsamen Nationalismus, dem Räderwerk eines "geschäftlich engagierten Staates" (in Anspielung an das Venedig des Mittelalters spricht er von der "Serenissima des Ostens") und den Feinheiten einer industriepolitischen Strategie, die auf einem Entwicklungsmodell nach "Meiji-Bismarck" basiert. In einem Essay über die japanische Sprache erklärt

Chalmers Johnson den Unterschied zwischen omote (dem an sich Expliziten) und ura (dem an sich Impliziten), eine der Feinheiten der japanischen Kultur, die ausländische Partner verunsichert und bei internationalen Verhandlungen zu zahllosen Mißverständnissen führt.

Mit großem Interesse wird man ebenfalls den Essay über "systematische Korruption" lesen, in dem die außergewöhnliche Karriere des früheren Premierministers Takuei Tanaka, der in den siebziger Jahren wegen der Lockheed- Affäre zurücktreten mußte, als Beispiel dient. Dabei wird auf die Rolle hingewiesen, die das Geld in der Politik spielt, und darauf, welches Spiel die "Fraktionen" innerhalb der Liberaldemokratischen Partei betreiben. Weitere Kapitel über die chinesisch-japanischen Beziehungen, über die japanische Verteidigungsstrategie und über die neue Ordnung der Region sind eine Aufforderung, Asien "neu zu denken" – und zwar aus einer Perspektive, die das Ende des kalten Krieges einbezieht. Chalmers Johnson tut dies und distanziert sich dabei von den "marktschreierischen Auftritten von Forschern und Politikern, die das Ende der Geschichte verkünden".

 

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